Verantwortlichkeit
Du sitzt am Steuer und auf einmal schmettert ein Vögelchen gegen
die Windschutzscheibe. Kurz das sanfte, weiche Geräusch einer Wärmflasche, wie
wenn sie gegen eine Wand geschlagen wird. Dann Stille. Blut und ein paar
Federn, das ist alles was bleibt.
Es ist etwas Schreckliches, ein Vögelchen mitten aus dem Leben zu
reißen. Das klingt wie ein übersentimentaler Satz. Doch, es ist etwas
Unumkehrbares passiert. Ein Vögelchen ist in sich so vollkommen. Äuglein,
Ohren, Achseln, all das hatte es, in herzergreifenden Proportionen. Ein Herz,
einen Darmtrakt, alles. Ein kleines Universum platzte auseinander. Etwas Warmes
wurde kalt und sehr bald schon wird es für immer verschwunden sein.
Du hast das Grauenvollste getan, was du aus der Unmenge an grauenvollen
Dingen hättest tun können: Du hast in einen lebendigen Mechanismus
eingegriffen. Du hast dich an etwas vergriffen, das auch sehr wohl ohne dich
kann. Du bist ein Mörder.
‚Das verdammte Auto‘, murmelst du. Und ohne es zu wissen, sprachst
du damit den grundlegenden Satz aus. Der Tod des Vögelchens berührte dich zwar
kurz unangenehm, aber ein Anderer, etwas Anderes hat es umgebracht. Und so ist
es sofort für dich möglich, wieder zur Tagesordnung überzugehen, schlimmstenfalls
mit dem Mord des nächsten Federtierchens.
Blutbäder scheinen nun – auf einmal – unvermeidbar und marginal.
Du hast deine Tat verdrängt und eine Mechanik ist zum Zwischenhändler
zwischen dem Gewissen und dem Grauenvollen geworden. Die Reinkarnation des
Grauenvollen. Du könntest natürlich gegen dieses Gemetzel etwas unternehmen. Du
hättest sogar die Möglichkeit die entsprechende Mechanik zu entbremsen und die
Karosse, zwar ohne Insassen, jedoch von einem herzhaften Fluch begleitet, in
einen Abgrund rollen zu lassen. Aber du hast den Draht verloren, der Ursache
und Wirkung miteinander verbindet.
Durch den Mord in Wiederholung und die Eigendynamik der
Ereignisse ist aus der Befürchtung, dass du nichts dagegen tun kannst, nun
endgültig eine Gewissheit geworden. Das zu Schanden reiten eines Vögelchens
bekommt den bitteren Beigeschmack von etwas Trivialem – nicht der Mühe wert, sich auch nur mehr, als die Länge von Sekunden
damit abzugeben.
‚Das verdammte Auto‘ – in diesem kurzen Fluch liegt das Dramatische
der Situation; damit hast du dich selbst verraten. Du bist einen Pakt mit dem
Teufel eingegangen. Es bedurfte nur dieses einen, kurzen Satzes, achtlos und
beiläufig ausgesprochen, um diese Hemmschwelle zu überwinden. Von diesem Moment
an bist du zu allen Gräueltaten fähig. Denn nicht du bist es, sondern dieser
Andere. Etwas Anderes. Du hast das große Geheimnis, dass Völker und Großmächte
antreibt, entdeckt. Das Geheimnis des Henkers und des Schlächters.
Nicht der Mensch, sondern die Maschine macht die Arbeit in den
Schlachthöfen. Der Schlachter bedient nur Hebel, Kurbel und Säge. Der Henker
wird sich nie einen Mörder wähnen, die Guillotine ist das höllische Werkzeug.
Diktatoren, Staatsoberhäupter und Politiker kennen keine schlaflosen Nächte
wegen der Blutbäder, die sie anrichten, von dem Schreien, das durch ihre Städte
widerhallt, von dem Todesgeröchel, das aus ihrem Hinterland aufsteigt – denn,
all dies geschieht im Namen der Freiheit, der Gerechtigkeit, und der Ordnung. Der Feind, der Teufel, ist der
Andere. Etwas vollkommen Anderes.
Der Mensch versteckt sich hinter den Werkzeugen und wappnet sich
mit einem Schlachtplan. Vaterlandsliebe ist ein Schlachtermesser.
Freiheitskampf ein schnappendes Klappmesser. Solidarität ein Mörderdolch.
Millionen Tote sind schließlich nur wie dieses eine Vögelchen. Wir
gedenken ihm eine Sekunde und schon fahren wir weiter. Von Kopf bis Fuß
bewaffnet vergießen wir unsere vermeintlich geschuldete Träne. Nicht einen
Augenblick verwünschen wir unsere Menschenart, versinken wir vor Scham in
Grund und Boden, wünschten wir uns einen Platz im Armengrab.
Wir sind einfach nicht da.
Wir platzieren eine Ladung Dynamit in einen Auto, parken es in
einer vollen Einkaufsmeile und flanieren einfach davon. Fröhlich pfeifend gehen
wir durch einen Park und füttern dort die entzückenden kleinen Vögelchen.
Gottes
eigene, unschuldige Kinder.