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Meine Generation hat den Glanz
verloren. Der Verrat war scheinbar dem Ideengut inhärent, eingebacken in die
Vorstellungen und Utopien, die sie hegten. Es formte gleichsam das genetische
Material der Träger jener Ideen selbst. Eine unverwechselbare Kombination von
sozialem Hintergrund und aufstrebendem Wohlstand, könnte für die merkwürdige
Mischung aus Fanatismus und Bequemlichkeit gesorgt haben, die meinen
Altersgenossen so eigen war. Jungen und Mädchen aus aufwärts strebenden
Familien, die nun viel leichter all das bekommen konnten, wofür frühere
Generationen noch hart kämpfen mussten, in einer starren Gesellschaft, in der
Autorität als Zielscheibe immer noch sehr beliebt war. So etwas musste wohl
in einem Festgelage für Nutznießer, Deserteure, Heuchler, Egomanen und kleine
Diktatoren enden.
Was war der Beitrag der
Generation 1968? Die Autorität wurde als treibende Kraft benannt und isoliert,
die Rolle der Intellektuellen neu erfunden. Zwei Entdeckungen die eine fade
Reprise der alten Revolutionsgeschichte ergeben, aber das kann man
zwanzigjährigen Jungen und Mädchen nicht verübeln. Es wurden ja immer mal
wieder Reprisen in der Provo-und Hippie-Bewegung aufgeführt, nur
diesmal waren Humus und Umstände fatal.
'A small step for man, but a
giant step for mankind'.
Ein viel zitierter Satz in dieser Zeit, in der meine Generationsgenossen
schon am Lenkrad und in den Sesseln saßen. Der giant step ist
ausgeblieben, zumindest der nach vorne.
Die linken Ideale waren die
Ideale tout court geworden. Rechts gab es nicht mehr,
und das fand Rechts eigentlich selbst auch.
Rechts, das waren fossile Männchen mit einer Hühnerbrust voller Auszeichnungen,
Zapfenstreich-Männchen, ewig starr zwischen Fahnenstöcken und Schäferhunden
posierend. Von Anfang an ahnten meine Generationsgenossen den Wert von
Typisierungen, Stigmatisierungen, Begriffsbildungen
und Dämonisierungen
aller Art. Werbemenschen, Journalisten, Kabarettisten, Copywriters,
Dichter – sie alle gehörten zum neuen Zeitalter. Linke Maulwürfe und
Versammlungsroboter,
die nach Funktionen lechzten, konnten sich auf die Kettenreaktion publizitären
Goodwills verlassen. Denn damit hatten sie
unverzüglich begonnen: Hineinkriechen in die Staatsmaschinerie, lukrative Jobs
übernehmen, Machtpositionen besetzen, alte Wölfe verjagen, um für neue Platz zu
machen. Es lässt sich nicht leugnen, dass die Provos und
Revoluzzer einige Details in Bezug auf die Rolle der Frau, beim Nachtleben und
der Filmzensur geändert haben. Doch es blieb bei
Details, bei Scheinverbesserungen.
Ihr erfolgreichster
Taschenspielertrick war vielleicht, dass wir noch immer an Details
glauben, dass wir ihre Scheinverbesserungen noch immer als echte Verbesserungen
wahrnehmen und irrtümlicherweise für Menschen gehalten werden, die den größeren Zusammenhängen äußerst
uninteressiert und gleichgültig gegenüberstehen. Globale Zusammenhänge gelten als suspekt.
Alles wurde zur Nebensache, alles wurde Kosmetik. Und gerade in den
größeren Zusammenhängen lag (wen wundert’s?), ihre größte Schwäche.
Unter Verrätern bin ich älter
geworden, unter Kriminellen.
Jeder durfte bei allem
mitreden – Demokratisierung, Mitbestimmung. Tatsächlich aber wusste meist
niemand von Nichts. Eine Mehrheit sagte nein, und woanders geschah es dann
doch. Es wurden Risiken vorher gesagt, aber eigentlich war die Sache schon
entschieden. Beschlüsse wurden evaluiert, von denen man im Hinterstübchen schon
wusste, dass sie ohnehin nie zum Tragen kommen würden.
Die Scheindemokratie war
vernichtend präsent, und niemand kapierte, dass die echte
Demokratie abgeschafft worden war. Dank meiner geliebten Altersgenossen leben
wir nun in einer nominalen Demokratie – wir nennen es
Demokratie, also ist es eine.
Die Kumpel der sechziger Jahre
schienen dazu in der Lage, alles als einen Erfolg ebendieser sechziger Jahre zu
verkaufen. Auch dann noch, als es verdammt spät war.
Privatsphäre, um einen anderen
großen Punkt zu nennen. Wie voll nahmen die jungen Revolutionäre den Mund zu
diesem Thema! Die autoritären Kapitalisten, die elitäre Superelite und die
militärische Maschinerie waren auf nichts anderes aus, als auf unsere
Personendaten. Ausweise, Volkszählungen, Datenverknüpfungen – die
Achtundsechziger reagierten darauf so verbissen, wie ein Pudel auf eine
Klapperschlange. Nun waren sie dreißig Jahre an der Macht – zuerst ein
bisschen, dann ein bisschen mehr, schließlich total – und die Frage der
Privatsphäre, sie ist kommentarlos durch die Hintertür entsorgt worden.
Sie sind imstande, glatt zu verneinen, dass sie
sich je darüber aufgeregt haben.
Die verrücktesten Daten werden
mittlerweile aneinander und Gott weiß was gekoppelt,
jeder kann bis in die hintersten Winkel
kontrolliert und gescannt werden – aber all dies schien und scheint nicht mehr
diskussionswürdig. So wurde eine der Lackmusproben der individuellen Freiheit
ausgerechnet von denjenigen preisgegeben, die sich nur so lange um Freiheit
sorgten, wie sie ihre eigene bedroht sahen. Für den Machthunger und die
Systemsucht meiner Generationsgenossen war die Erfindung des Terroristen die
Rettung. Die letzten Kontrollbremsen waren auf einmal gelöst. Das totalitäre
Virus verstärkt sich in uns, von innen heraus. Glücklicherweise aber bezeichnen
wir es nicht so. Die mechanische Teilung in ein frommes Ideal und in leere
Floskeln, wie „Angriff auf die Zivilisation“ und „Gefahr für die Demokratie“
wirkt nach wie vor perfekt.
Wir starren wie immer blind
auf Nebenerscheinungen und Abfallprodukte und überlassen Wind und Zwergen das
Feld.
Der Prozess der Bewusstwerdung
wird Ziel in sich selbst. Um jeden Preis solltest Du Bewusstwerdung betreiben.
Ganz egal wie.
Unser Glaube an die Verpackung ist zu unserer
zweiten Natur geworden.
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