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Doch ich sah, wie beschäftigt sie waren, meine Zeitgenossen. Ich beobachtete sie. Ich bin ihren Fußstapfen gefolgt, ihren Blicken und ihren Gebärden. Ich sah sie gerade vor und zur Hälfte schon auf der Schwelle der Institute, durch welche sie ihren langen Marsch veranstalten würden.

Zudem war die Bewegung, die Atmosphäre, die Mentalität in jenen Jahren so allgemein, so selbstverständlich – selbst wenn du bereits abseits gestanden hast und halbherzig aufgetreten bist, wenn du nicht einmal gemerkt, was du getan oder unterlassen hast – als Zwanzigjähriger warst du automatisch ein Teil davon. Es hing in der Luft, du hast es inhaliert und wieder ausgeatmet.
Es war undenkbar, mit den meisten Standpunkten und Entwicklungen  nicht einverstanden zu sein. Du selbst warst die Entwicklung. Sogar die Vereinsstudenten gingen Wattwandern und schnupfen.

Ich kann nicht sicher sagen, ob der Drang nach Verrat, der meine Generationsgenossen trieb,
 die Popularität dieser Zweiteilung eher steigerte, oder ob die Spaltung eine philosophische Mode war, die ihren Verrat – immer mehr Verrat – auf ideale Weise legitimierte. Dafür fallen die Begriffe sechziger Jahre und Verrat zu sehr zusammen.

Wenn ich vom Verrat meiner Generation spreche, meine ich eine andere Art Verrat – einen einzigartigen, den totalen Verrat – und nicht das, was sich üblicherweise unter Generationsgenossen abspielt, wenn sie älter werden und sich mit den gesellschaftlichen Realitäten konfrontiert sehen. Im gegenseitigen Wettbewerb versteckt sich ein großer Teil der Ellenbogenarbeit, die wir vom Menschen ohnehin gewohnt sind. In jeder Generation wird nach oben geleckt und nach unten getreten. Die Alten werden im Stillen gehasst und die Jungen missgünstig geködert. Und vor allem gegenseitig versucht man sich um Geld und Freundinnen zu bringen.

Ich spreche hier nicht von der üblichen Konkurrenz und dem angemessenen Neid. Ich spreche von einer ganzen Generation, die desertierte. Von einem Verrat, der der Zivilisation ein Ende setzte.
 
Einem Verrat, der die Welt in eine andere Richtung lenkte.

Dass man die Ideale seiner Jugend verrät ist an sich nichts Seltenes. 
Es ist nicht mal Verrat, es ist früh auftretende Erschöpfung. Plötzlich sehen wir unsere alten Schulfreunde, einst allesamt Brandstifter und Rabauken, hinter einem Kinderwagen hertrotten, Kanarienvögel aufziehen, Lotto spielen. Sie verdienen ihr Geld mit Haarspangen, Hypotheken und Vitaminpräparaten. Schon bald nehmen sie den Unterschied zwischen den Konturen ihrer Frau und ihrer Couch nicht mehr wahr.

Der Verrat von dem ich spreche, ist pathetischer und unsichtbarer zugleich. 
Allgemeiner und nonchalanter. Er wird entweder mit Aplomb gepflegt oder lapidar gestreift, als sei er nicht existent.

Hier bin ich auch gleich beim markantesten Merkmal dieses Verrates gelandet: Bei der Tatsache, dass Wirkung und Wirklichkeit kaltblütig von einander getrennt wurden. Was meine Altersgenossen hier hinter den Kulissen veranstalteten, hatte nichts mit dem zu tun, was sie nach außen hin bekundeten. 
Ja, von manchen Hochstaplern, Stinkern und Schlaftabletten könnte man sogar glauben, dass sie bis zum heutigen Tag den Ideen der sechziger Jahre treu geblieben sind - sich wie eben diese alte Generation zu benehmen und ihr Verhalten gar als etwas Neues zu präsentieren - darin sind sie ganz geschickt. Diese Teilung zwischen Schein und Sein sollte schon bald auch in anderen Bereichen vorherrschen - in der Politik, der Literatur, im Sozialverhalten und in der Wirtschaft.

Schein und Sein, Wirkung und Wirklichkeit, Werbung und Produkt, Botschaft und Inhalt. Was du sagst und was du denkst. 
Bluff und glühende Asche.

Ich kann nicht sicher sagen, ob der Drang nach Verrat, der meine Generationsgenossen trieb, die Popularität dieser Zweiteilung eher steigerte, oder ob die Spaltung eine philosophische Mode war, die ihren Verrat – immer mehr Verrat – auf ideale Weise legitimierte. Dafür fallen die Begriffe sechziger Jahre und Verrat zu sehr zusammen. 

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