Um
«(...) einigen Racheaktionen vorzubeugen (...)» (welchen, blieb unklar,
womöglich von Seiten des ambulanten Buchhandels?), wich er mit dem Vorhaben
sich dort definitiv anzusiedeln, nach Kreta aus. Im Hotel Kentrikon in Iraklion
arbeitet er für seine Unterkunft als Dolmetscher, später auch als Privatlehrer.
Nebenbei fertigt er für den Verlag De Arbeiderspers Übersetzungen
an, unter anderem von der Skandalchronik Pausin Johanna, geschrieben von dem
Griechen Emmanuel Rhoïdis. Sein Verleger Theo Sontrop entdeckt, dass sein
Schützling manchmal Wörter oder gar ganze Sätze unübersetzt lässt. Komrij, so
findet sein Verleger heraus, ist so arm, dass er sich keine Wörterbücher kaufen
kann. Mit einer Postsendung nach Kreta wird das behoben. Wirklich wohl fühlt
Komrij sich unter den Griechen nicht. Ein Lord Byron wird er nicht werden
und so kehrt er 1966 in die Niederlande zurück. «Ich habe Griechenland
(das Regime der Obersten) so satt, dass ich kein Wort Griechisch mehr sprechen
will. Nur noch übersetzen. Der Grieche ist eine apathische, egozentrische
Figur. Er ist duldsam und erträgt alles und jeden über sich. Nur deshalb konnte
sich dieses Regime dort so einfach etablieren. Für die Touristen wurde eine
Fassade aufgezogen. Aber dennoch sollte man dort nicht länger als einige Wochen
bleiben. Ich reise übrigens nicht mehr. Es erschöpft nur, es macht mich krank
(...)» (aus einem Interview mit De Gelderlander, 10 april 1977). 1968
debütiert Komrij als Dichter mit dem Buch Maagdenburgse halve
bollen (Magdeburger Halbkugeln). Zwei Jahre später erhält er den
Poesiepreis der Stadt Amsterdam für Alle vlees is als gras oder Het
knekelhuis op de dodenakker (Alles Fleisch ist wie Grass oder das
Knöchelhaus auf dem Totenacker). Bald
darauf entdeckten die Medien den exzentrischen Literaten in seiner
Wohnung an der Jacob van Lennepkade. Lidy van Marissing gegenüber, die ihn
Februar 1969 für die Volkskrant interviewt, beklagt sich das junge Genie über
das Unvermögen der niederländischen Literaturkritik. «An Kritikern mit
Format mangelt es in jedem Fall. Hat jemand zwei Bücher geschrieben und möchte
nicht mehr übersetzen, schon darf er für eine Zeitung Kritiken schreiben. Ich
ahne wie dieses Schicksal auch mich treffen würde, hätte ich nicht etwas
anderes mit mir vor.» Um dann noch hinzuzufügen: «Übrigens bin ich
korrumpiert genug, um nächstes Jahr vergessen zu haben, was ich dieses Jahr
behaupte.» Dies
soll sich schon bald bewahrheiten, als Komrij 1972 erfolgreich eine neue
Karriere als literarischer Kritiker bij Vrij Nederland anfängt.
Hier klingt eine neue Qualität durch, in der sonst so traurigen
Literaturkritik. Seit Lodewijk van Deyssel wurde nicht mehr so hart mit Autoren
umgegangen. So klagt Arie B. Hiddema 1974 im NRC Handelsblad. «In der
Sowjetunion steckte man Schriftsteller ins Lager. In den Niederlanden ist es
noch viel schlimmer, dort bespricht sie ein zweitrangiges Arschloch, wie Gerrit
Komrij.» Selbstverständlich
führen solch literarische Guerillamethoden im Namen der Obersten
Schönheit zu einem Gegenangriff: «Hofnarren werden nie ernst
genommen», erklärt Adriaan Venema, nachdem sein Buch über Ludwig II, Een
sterfgeval in Duitsland (Ein Sterbefall in Deutschland), von Komrij
als «eine Kollage aus verwaisten Ansätzen, Auszüge aus Büchern, Abzüge jener
Auszüge, adaptierte Artikel aus dem Lexikon und der Fernsehprogrammzeitung,
gespickt mit eigenen Einfällen, alles eher zufällig um eine historische
Figur gruppiert, von dem Venema nichts versteht» umschrieben
wurde. Auch
die sarkastischer Art und Weise, wie Gerard Reve ihm eine Rolle als Albert S.
in Lieve Jongens (Liebe Knaben, 1973) zuschreibt, kann Komrij
nicht glücklich machen. Komrij zufolge, kam die jedoch hauptsächlich wegen
Reves gescheiterten Avancen zu seinem Lebenspartner, Charles Hofman,
zustande. Dass
es Komrij ebenfalls blutig ernst meinen kann, zeigt sich, als er sich 1974 mit
der Scientology Church anlegt. In Propria Cures klagt er
unter der These Nederland loopt gevaar! (Die Niederlande sind
in Gefahr!), die Sekte Ron Hubbards in einer Heftigkeit an, die alle
Ironie weit hinter sich lässt: «(...) eine Bewegung, zu der, im Vergleich, die
Zeugen Jehovas des Herrn Knorr eine Bande sanftmütiger Blutsauger sind (...)».
In dem Artikel macht Komrij Scientology für den Tod des Journalisten Johan
Phaff verantwortlich. Dieser war im Namen des Justiz-, des Sozial-
und des Innenministeriums damit beauftragt, einen Bericht über diese Bewegung
zu schreiben. Die Angeklagten sind not amused: «Komrijs Verhalten
sei eine Schande für die Würde des niederländischen Journalismus. Er erinnere
an Goebbels, Propagandaminister der Nazis.» Komrijs Kreuzzug gegen Scientology
gipfelt 1979 schließlich in der Schmähschrift De stankbel van de
Nieuwezijds: Contra Scientology. Es
wird weitere Momente geben, in denen Komrij seine Narrenkappe abwirft und mit
scheinbar heiligem Ernst die literarische Arena betritt. So auch 1989, als
Komrij heftig auf die Fatwa gegen Salman Rushdie seitens
Ayatollah Khomeiny reagiert: «Nun, da tausende Muslime schreiend und tobend auf
der Strasse stehen, wird eines deutlich, dies ist der totale Bankrott der so
genannten multikulturellen Politik, die hierzulande so lange angepriesen
wurde», schreibt er in einer bissigen Tirade gegen das, was später die «Islamisierung
der Niederlande» genannt wird. Doch
Komrij ist schon 1984 in seine Wahlheimat Portugal emigriert. Hier wohnt er mit
Charles Hofman in einem kleinen Dorf namens Vila Pouca de Beira, siebzig
Kilometer von Coimbra entfernt. Er beschreibt den speziellen Schmerz eines
Emigranten in Intimiteiten: «Dichter, Homosexuelle und
Emigranten, sie sind alle drei fehl am Platz. Durch ihre Kreativität, ihre
entgegengesetzte sexuelle Orientierung und ihr buchstäbliches Außenseitertum,
quälen sie den nüchternen Verstand, die gesellschaftliche Norm und die
bürgerliche Heimatverbundenheit.» Es
gibt Menschen, die hartnäckig behaupten, Komrijs literarischer Stern würde
weniger hell strahlen, seit er ins Land des Fernando Pessoa ausgewichen ist. Am
liebsten hätten diese Fundamentalisten ihr Idol im Amsterdamer Kinkerbuurt festgekettet,
damit er bis zu seinem letzten Atemzug gegen die jüngsten Schieflagen
in «Absurdistan» agiere. Dies zeigt, wie hart literarische Liebe sein
kann. Und vor allem, wie ungerecht. Obwohl doch unmöglich verneint werden kann,
dass Komrij seit Portugal ganz neue Wege leuchtender Kreativität betreten hat?
Sein portugiesisches Buch Over de bergen (Hinter den Bergen,
1990) ist nicht nur Komrijs erster richtiger Roman, es zeugt von einer neuen
Schaffensphase. Hier zeigt Komrij das erste mal die Kunst des
Sich-in-einander-Einfühlens, während der niederländische Komrij doch
vor allem im Rahmen der ehemals nötigen Selbstverwirklichung damit beschäftigt
war, den anderen bloßzustellen. Komrijs
gesammelte Beobachtungen des portugiesischen Lebens, 1996 erschienen als Een
zakenlunch in Sintra (Ein Geschäftsessen in Sintra) und bestätigen
diesen „neuen Komrij“: mild, mit einer beschaulichen Weisheit, aber zugleich
unwiderstehlich humoristisch, wie in seinen besten Tagen als literarischer
Kreuzritter in Amsterdam. Fernando Venançio übersetzte dieses Buch
und empfahl es als das Beste, was je von einem Außenseiter über Portugal
geschrieben wurde. Vergleichbar mit Fernando Pessoa, entledigte sich Komrij in
Portugal seines zu schwer gewordenen Egos. Er fühlte sich in neue Gestalten ein
und übertraf sich selbst, in dem er in die Haut eines anderen kroch. (aus dem Niederländischen): René Zwaap copyright: de Groene Amsterdammer und René Swaap. Übersetzung: Kamiel Verwer, Susann Grubba & Ritz Mollema <<<<<<<<< (Der ursprüngliche Artikel wurde um einige Absätze gekürzt) |
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![]() | Der niederländische Dichter, Schriftsteller, Kritiker, Polemist und Theaterautor Gerrit Komrij wurde am 30. März 1944 in Winterswijk geboren. Komrij wurde in jenem Hühnerstall geboren wo seine Eltern sich verschanzt hatten um sich vor den Luftangriffen zu schützen. 1968 debütierte er als Dichter mit dem Band Maagdenburgse halve bollen en andere gedichten. 1979 veröffentlichte er ein Sammelband der niederländischen Poesie vom neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert in tausend und einigen Gedichten. Komrij emigrierte 1984 nach Vila Pouca da Beira (Portugal). 1990 erhielt der den P.C. Hooftpreis für sein Prosawerk. 2000 wurde Komrij von niederländischen Lesern zum Dichter des Vaterlandes ausgerufen, befristet auf fünf jahre. In Januar 2004 gab er diese Tätigkeit auf. |

