Hass Ob wir - einem x-beliebigen Passanten, den die Natur mit einem perfekten
Körper ausgestattet hat, ein zerbrochenes Bierglas ins Gesicht rammen; - eine
Talsenke, die mit farbenfrohen und funkelnden Frühlingsblumen bewachsen ist,
mit einer Mischung aus Petroleum, Cayennepfeffer und Paraffin vollschütten; -
die Sterne vom Himmel herunter toben und fluchen oder auch - unseren besten
Freunden einen qualvollen Foltertod wünschen; das alles ist überhaupt nichts,
im Vergleich zu dem Unrecht, welches uns an jenem Tag widerfuhr, an dem wir zur
Welt kamen. Denn ist es nicht so: Entweder wir sterben vom Herzen aus - und
dann wären wir besser erst gar nicht geboren - oder wir hängen am Leben und
müssten die Geburt, die ohnehin ausschließlich zum unerwünschten Tod führt,
sowieso nur verfluchen. Der Hass ist, nicht anders als die Liebe, etwas Lebendiges. So wie
alle starken und bedingungslosen Triebe eine destruktive Seite besitzen, so ist
auch der Hass, als Ausdruck dessen, dass wir am Leben hängen, destruktiv. Wie
die Liebe. Ohne Hass wäre unser Leben nichtig. Wenn wir die Liebe für etwas
Nobles halten und sie als das Höchste betrachten, wozu der Mensch fähig ist,
warum sollten wir dann auf den Hass herabblicken? Was uns minderwertig macht und unwürdig der Perfektion dieses
kunstvollen Gefüges aus Nerven, Muskeln und Venen, ist alles das, was sich
zwischen Hass und Liebe bewegt: Die Apathie, die seichte Anspruchslosigkeit,
seine Widersacher aufs Abstellgleis zu rangieren, das
‚Nach-oben-Buckeln-und-nach-unten-Treten’. Das ‚Ich-warte-noch-ein-wenig’ und
‚Man-weiß-ja-nie-wofür-das-noch-gut-sein-könnte’. Das Kollaborieren und das
(Tod-)Schweigen. Wer nicht hassen kann, ist naturgemäß auch nicht in der Lage zu
lieben. Wer dauerhaft verliebt ist, muss ebenfalls ein leidenschaftlicher
Hasser sein. Verzweifelt wird er sich an seinem Hass die Zähne ausbeißen, weil
alles Durchschnittliche zwischen ihm und der Liebe steht. Sein Hass ist auf
nichts Geringeres gerichtet, als auf das Leben selbst. Denn das Leben verlangt von ihm, mal mit den Schultern zu zucken und ein anderes Mal, einen Schritt seitwärts zu gehen - und folglich droht die totale Selbstvernichtung. Er sieht seine eigene Missgestalt, und er hasst. Er lernt im Stillen hassen. Und schon hasst er diesen stillen Hass. Hass ist ein arg misshandeltes Wort. Jemanden hassen, weil er vorbildlich
ist – es ist kein Hass. Es ist Neid. Etwas hassen, das über dem eigenen
Vermögen liegt – es ist kein Hass. Es ist Dummheit. Wer vorbildlich ist,
verdient Bewunderung. Was einen überragt, verlangt Anstrengung und
Einfühlungsvermögen. Beides beruft sich auf die Liebe. Nichts hasse ich so
sehr, wie diese zwei aus Versehen mit Hass bezeichneten Hässchen: Neid und
Dummheit, jene armseligen Krücken, an denen so mancher von der Geburt bis zum
Tode humpelt. Der wahre Hass ist eine Feuerwand. Der Hass zehrt mich auf. Ich bin so unglaublich verliebt in das
Leben und in alles, was darin an Herausragendem und Unvorstellbarem vorkommt,
dass ich keine Sekunde atmen kann, ohne zu hassen. Alles was sich um mich herum
breitmacht, ist nichts, als eine opportunistische, vulgäre, nutzlosen Wind und
scheinheilige Blicke produzierende Gangsterbande. Jeder, der sich, ob er sich
nun Bürgermeister, Ordnungshüter, anständiger Bürger, Gottes Soldat oder weiser
Mann nennt – jeder einzelne ist im Grunde nur ein Räuber, der sich als Gendarm
ausgibt – ihnen hilft nur noch ungelöschter Kalk. | Temperamente Gerrit Komrij Abwesenheit Ambition Apathie Banalität Bekehrungszwang Bescheidenheit Bewahrsucht Bestürzung Briefangst Bürgerlichkeit Déjà Vu Durchhänger Eigendünkel EtiquetteEkel Erinnerung Fragmentation Faulheit Feigheit Freundschaft Flugangst Fluchtverhalten GefräßigkeitGeilheit Glück Grimm Identifikationszwang Idylle Imitatio Hass Halluzination Habgier Hingabe Hilarität Hypochondrie Jagdinstinkt Jucken Konfrontation Kreativität Langeweile Leichtsinn Liebe Malersmalheur Machtbesessenheit Maßlosigkeit Melancholie Missgunst Neid Nervosität Neujahrsgefühl Nichtigkeit Progressivität Querulantismus Rausch Reflexion Reinheit Reinkarnation Reiselust Rhetorik Ruhm Romantik Schlaflosigkeit Schlappheit Schlauheit Schönheit Schmerz Schuldgefühl Schwerelosigkeit Snobismus Symmetrie Telefonsyndrom Trieb Todesfantasie |