Grimm Der Ärger ist etwas für die kleinen Momente zwischendurch, die Wut
für die gewöhnlichen Tage der Woche und der Zorn für den Sonntag. Grimm ist
lediglich etwas für ganz spezielle Situationen. Ärger und Wut verfliegen, zornige Böen flammen auf und verrauchen
wieder, nur der Grimm schlummert permanent in uns - zumindest in manchem von
uns. An Tagen des Hochgefühls lassen wir ihn heraus und präsentieren ihn der
Welt. Wir ärgern uns über jemanden, wir geraten über dieses oder jenes
in große Wut, der Grimm jedoch bezieht sich weder auf eine Person noch auf eine
Sache. Er ist viel zu nobel und zu hochtrabend, um sich mit einer bestimmten
Person zu befassen, er kümmert sich nicht um die Bagatellen, die von
gewöhnlichen Sterblichen als Probleme und Konflikte angesehen werden. Sein
Objekt ist jedermann und das große Ganze. Ärger und Wut und Zorn sind nur Splitter seines Glanzes, winzige
Abgesandte seines Thrones. Sie wollen ihm einzig gefallen, und agieren deshalb
so geschäftig. Sie streifen umher und plustern sich auf. Sie zischeln und
fauchen und geraten in Wallung. Wer klein ist, muss fleißig sein, Epigonen
müssen hart arbeiten - und das tun sie dann auch. Sie sind in der Lage, den
Menschen vor Wut aufstampfen zu lassen, ihn rot, grün und blau anlaufen zu
lassen, ihm einen Herzanfall zu bescheren. Sie treten in solch großen Scharen
auf, dass sie allgegenwärtig scheinen. Der Grimm indes verharrt in Ruhe und schweigt. Denn nur er ist
allgegenwärtig. Er weiß, dass die Summe all der unzähligen Bösartigkeiten, der
Wutanfälle und Ausbrüche des Zornes, auch wenn es der damit einhergehende Lärm
vielleicht anders vermuten lässt, seine Intensität und seinen Umfang bei weitem
nicht erreichen. Er weiß, dass die Facetten seines Glanzes aufleuchten, um gleich
darauf wieder zu verblassen, dass sie einander geschwind verfolgen, jedoch dazu
verdammt sind, bereits nach kurzer Zeit dahinzuscheiden, und dass nur sie
allein imstande sind, den Menschen auf immer mit Blindheit zu schlagen. Seine
beflissenen Diener mögen einer funkelnden Kaskade gleichen, einem Wasserfall
aus glasklaren Perlen, 12 doch sind sie lediglich seine - der Sonne - Meteoriten, Monde und
Planeten. Willfährige Diener der Verblendung. Manchmal verstehen wir schon heute nicht mehr, worüber wir noch
gestern in Rage geraten sind. Es geschieht gar manches Mal, dass wir mit
jemandem inniglich Freundschaft schließen, dem wir anfänglich noch sehr gram
waren. Wir behalten allerhand Tipps und Tricks in der Hinterhand, um
unseren Ärger in die richtigen Bahnen zu lenken - hier ein Quäntchen
Vergebungswille, da ein Fingerhut voll Relativierung. Wir kennen die kleinen
Schlingel und Rabauken, die in unserer Wut an uns nagen. Wir müssen es ihnen ab
und zu recht machen und sie gewähren lassen und erkennen, dass wir dieser Menge
an Diensteifer nicht gewachsen sind. Dann rächen wir uns, verfluchen und morden
wir. Alles Dinge vorübergehender Natur. Anwandlungen. Nach der Rache kommt die
Reue, nach dem Fluch der Beichtstuhl, nach dem Gemetzel die Friedenskonferenz.
Wir sind nur einmal kurz aus der Fassung geraten, weiter nichts. Vom kindischsten Aufgestampfe bis hin zur blutigsten Schlacht, es
sind die Triumphe der Schleppenträger des Grimms. Er selbst führt nichts Böses
im Schilde. Er ist nicht aus auf Streit und Vernichtung. Wenn es uns in den
goldenen Momenten des Lebens vergönnt ist, seinen Schleier einmal kurz zu lüften, sind wir schlichtweg
gelähmt und sprachlos. | Temperamente Gerrit Komrij Abwesenheit Ambition Apathie Banalität Bekehrungszwang Bescheidenheit Bewahrsucht Bestürzung Briefangst Bürgerlichkeit Déjà Vu Durchhänger Eigendünkel EtiquetteEkel Erinnerung Fragmentation Faulheit Feigheit Freundschaft Flugangst Fluchtverhalten GefräßigkeitGeilheit Glück Grimm Identifikationszwang Idylle Imitatio Hass Halluzination Habgier Hingabe Hilarität Hypochondrie Jagdinstinkt Jucken Konfrontation Kreativität Langeweile Leichtsinn Liebe Malersmalheur Machtbesessenheit Maßlosigkeit Melancholie Missgunst Neid Nervosität Neujahrsgefühl Nichtigkeit Progressivität Querulantismus Rausch Reflexion Reinheit Reinkarnation Reiselust Rhetorik Ruhm Romantik Schlaflosigkeit Schlappheit Schlauheit Schönheit Schmerz Schuldgefühl Schwerelosigkeit Snobismus Symmetrie Telefonsyndrom Trieb Todesfantasie |