Geilheit
Befriedigung lässt sich nicht erzwingen. In der Encyclopaedia Britannica
steht, so las ich, dass moderne Sexologen das Masturbieren ausdrücklich
empfehlen. Es hat, so behaupten sie, eine beruhigende Wirkung. Spannung würde
dadurch entladen. Nichts ist weniger wahr. Man wird nur geiler davon.
Sollte dir der Sinn mal nach all dem stehen, was ich hier wohl
nicht weiter auszuführen brauche, was aber in jedem Fall auf eine durchaus
vertraute Begegnung zwischen einer beschränkten Anzahl menschlicher Komposita
hinausläuft und dabei nichts anderes zum Ziel hat, als sich selbst durch eine
ebenso beschränkte Anzahl an Bewegungen für eine gewisse Zeit dem kritischen
gesellschaftlichen Diskurs zu entziehen, so bist du den Heiden ausgeliefert.
Nicht nur Masturbation, sondern jeglicher erotischer Kontakt, jede erotische
Abbildung, jede erotische Anspielung, jede Handlung, jede Entladung, wirkt dann
nur wie ein Aperitif: Dein tatsächlicher Appetit wird dadurch nur größer.
Gerade die Einschränkung deines Blickfeldes macht das Ganze so
überaus faszinierend. Die Beschränkung, sowohl der Komposita, als auch der
Bewegungen, betonen letztlich nur deren endlose Reproduzierbarkeit. Die
Nutzlosigkeit all dieser Dinge, angesichts der Unbeständigkeit der Zeit, lässt
den Menschen nur umso abhängiger von ihnen werden.
Es brennt hinter deinen Augen. Dein Körper bebt. Du hoffst, dass
niemand die große, nasse, hängende Zunge unter deinem Gehirndeckel sehen kann.
In allem, was sich dir nähert, nimmst du die benannten menschlichen
Komponenten wahr. Rastlos rennst du umher. Keine Türklinke, nicht mal ein
Briefkasten, der dich nicht erregt. Du schaust die Menschen auf der Straße wild
an. Du fühlst dich, als ob Dampf aus deinen Nasenlöchern steigt und als ob man
dir einen extravaganten Hut aufgesetzt hat, wie ein gigantischer Schwanz. Den
Menschen fällt doch nichts Merkwürdiges an dir auf?
Du aber siehst sehr wohl in ihnen etwas Merkwürdiges.
Hier schaut jemand gelangweilt in ein Schaufenster, dort kauft ein
anderer an einem Kiosk eine Zeitung, und ein dritter plaudert mit einem vierten. Wie ist es um Himmels Willen möglich, dass sie
nicht an genau das gleiche denken wie du? Dass sie mit derartig alltäglichen, nichts
sagenden Dingen beschäftigt sind. Es erschüttert dich, dass sie imstande sind,
dasjenige, welches dich von Kopf bis Fuß in seiner Gewalt hat, auch nur eine
Sekunde aus ihren Gedanken zu verbannen.
Sie machen eine Miene als dächten sie an ihre Arbeit oder an ihr
Girokonto, ihr Schritt wirkt, als wären sie auf dem Weg ins Büro, zum
Sportplatz, oder etwas ähnlich Belanglosem. Für einen Moment siehst du in
deiner totalen Aufregung, wie sie einander die Kleider vom Leib reißen, Röcke
werden gelupft, Pantalons fliegen durch die Luft und die Welt ist ein großes
Geficke. Jeder bespringt jeden. Innerhalb kürzester Zeit ist der Gehweg eine
Rutschbahn aus Feuchtigkeit, Blut und Sperma.
Dann reibst du dir die Augen und deine Vision ist hin.
Eine fahlgraue Erscheinung stößt dich in seiner Eile brüsk zur
Seite. Drüben, auf einer Bank, interessiert sich eine Gruppe Frauen für nichts
anderes, als ihr Strickzeug. Die Welt um dich herum lebt auf einer anderen
Wellenlänge. Für dich gibt es nur eine Sache, die beim Menschen an erster
Stelle steht. Und an Zweiter. Und an Hundertster. Doch ausgerechnet daran,
scheint niemand zu denken. Wie befremdlich. Wie kalt.